Wer mit Henry durch seinen Garten in der Oststeiermark spaziert, sollte Zeit mitbringen. Es kann gut sein, dass man gerade an einer Pflanze vorbeigehen wollte, als Henry auf etwas zeigt, das man selbst nie bemerkt hätte: Eine Wespe, die kaum jemand kennt, ein Tier, das sich irgendwo versteckt, oder eine Pflanze, die sich ganz von allein angesiedelt hat.
Henry ist Tierarzt, Metal-Fan, Mitglied der Tolkien-Gesellschaft und begeisterter Tierhalter mit einer Vorliebe für die etwas ungewöhnlicheren Mitbewohner: Sein Zuhause teilt er sich mit Spinnen, Schaben und Reptilien. Rollenspiele, Festivals und Konzerte gehören ebenso zu Henrys Leben wie seine Begeisterung für Mythologie, nordische Sagenwelten und Star Trek. Langweilig wird es mit Henry also eher nicht. Und auch Henrys Garten ist alles andere als langweilig. Hier gibt es viel zu entdecken.

Ein Garten, der sich entwickeln darf
Als Henry vor sechs Jahren hierherkam, war der Garten vor allem eine Rasenfläche. Was darunter verborgen war, zeigte sich erst nach und nach. Im darauffolgenden Frühjahr begann das Entdecken.
Heute teilen sich heimische Wildstauden und klassische Gartenpflanzen den Raum. Die alten Apfelbäume tragen unzählige Früchte. Die Astern stammen aus Henrys früherem kleinen Garten in Weiz. Dort waren sie ihm ans Herz gewachsen, hier haben sie mehr Platz bekommen. Auch Eisenhut und Fingerhut dürfen wachsen. Dass manche Gartenpflanzen giftig sind, ist für Henry kein Grund, auf sie zu verzichten. „Ich muss sie ja nicht essen“, meint er trocken.
Was andere vielleicht als Unkraut bezeichnen würden, ist für Henry oft einfach eine Pflanze, die dazugehört. Das Fingerkraut beispielsweise darf den Boden bedecken. Nur bei der Quecke greift er konsequenter ein, weil sie sich ausbreitet und andere Pflanzen verdrängt.

Viel Leben auf wenig Platz
Die riesigen Karden sind kaum zu übersehen. Ihre abgeblühten Samenstände bleiben stehen, und rundherum tauchen bereits die nächsten kleinen Karden auf.

Zwischen den wilden Beeten ziehen sich schmale Rasenwege durch den Garten. Gemäht wird nur, wo es notwendig ist. Henry verwendet einen Handmäher und besitzt auch Sensen, doch meistens braucht er sie nicht. Wenn es heiß und trocken ist und die Wiese kaum wächst, kann der nächste Schnitt sowieso warten.
Zwei kleine Benjeshecken gliedern das Grundstück. Sie sind Gestaltungselement und Raumteiler zugleich, bieten aber auch Tieren Unterschlupf. Ein Miniteich beweist, dass es für ein kleines Wasserbiotop nicht viel braucht: Ein Gefäß, Wasser und ein paar Pflanzen genügen.

In einer Ecke wächst ein kleiner Wald aus Pfirsichbäumen. Darunter bleibt Platz für das, was von selbst kommt. Alte Apfelbäume spenden Schatten und tragen reichlich Früchte. Am Gartenzaun biegt sich eine junge Eberesche unter ihren vielen Beeren, während auch die Dirndlkirsche Früchte trägt.

Im Vorgarten breiten sich Maiglöckchen aus, und zwischen den verschiedenen Stauden und Gehölzen entstehen immer neue kleine Lebensräume. Grünschnitt und anderes Material werden in zwei Holzkompostern wieder zu Erde.
Ein Auge für die ungewöhnlichen Bewohner
Henry ist Tierarzt und beschäftigt sich auch beruflich mit Bienen. Die Bienenstöcke im Garten sind deshalb keine große Überraschung. Sein Interesse endet allerdings nicht bei den Honigbienen.

Auch Wildbienen, Wespen und andere Insekten beobachtet Henry aufmerksam. Wer mit ihm durch den Garten geht, merkt schnell, dass es hier einen Unterschied macht, ob man bloß an einer Pflanze vorbeigeht oder weiß, wer sie gerade besucht.
„Im Sommer hatte ich viele Dolchwespen an der blühenden Minze. Die waren echt super“, erzählt er begeistert. Viele Menschen kennen diese Tiere kaum. Henry weiß dagegen, wann und unter welchen Bedingungen sie auftauchen. Dass die wärmeliebenden Insekten in diesem Sommer im Garten zu beobachten waren, überraschte und freute ihn gleichermaßen.
Diese Begeisterung für die kleinen, oft übersehenen Lebewesen zieht sich durch Henrys Alltag. Wer Spinnen, Schaben und Reptilien hält, bringt vermutlich eine ausgeprägtere Art von Neugier mit. Wer Henry durch den Garten begleitet, merkt schnell, wie viel ihm auffällt. Er kennt die Tiere, die hier unterwegs sind, und freut sich auch über jene, die andere kaum beachten. Da bekommt man schnell Lust, selbst auch genauer hinzuschauen.
Auch beruflich beschäftigt sich Henry mit Zusammenhängen, die auf den ersten Blick nicht unbedingt sichtbar sind. In einem Pilotprojekt untersucht er gemeinsam mit Imkern die Verbreitung von Bienenviren, den Zustand der Bienenvölker und den Umgang mit der Varroa-Milbe. Dabei werden Daten gesammelt, Beobachtungen dokumentiert und unterschiedliche Vorgehensweisen miteinander verglichen.
Im Garten darf diese Neugier unmittelbarer sein. Da muss nicht gleich eine wissenschaftliche Fragestellung dahinterstehen. Manchmal reicht es, die Minze blühen zu sehen und sich darüber zu freuen, wer sich dort eingefunden hat.
Man muss nicht alles benennen können, um einen Garten zu genießen. Aber wenn man anfängt, genauer hinzusehen, wird die Welt plötzlich größer. Henry hilft dabei, weil er vieles kennt, was anderen entgeht – und weil er sich offenbar immer noch darüber freuen kann, etwas Interessantes zu entdecken.

Ein schöner Garten ist ein Lebensraum
Warum Henry sich der Garten(R)evolution angeschlossen hat, ist leicht nachvollziehbar: „Ich finde es gut, dass es einen Verein gibt, in dem Menschen naturbelassene Gärten gestalten und sich darüber austauschen können. Denn allzu oft besteht ein Garten aus Rasen, vielleicht ein paar Beeten – und das war es dann.“
Henry möchte es anders machen. Dabei geht es ihm nicht darum, möglichst viele Wildpflanzen anzusiedeln oder aus jedem Winkel ein bewusst angelegtes Naturparadies zu machen. Vieles darf sich entwickeln. Manches wird ergänzt, manches begrenzt. Und einiges bleibt einfach, weil es schon da ist.
Die alten Apfelbäume gehören ebenso dazu wie die Karden, die sich selbst aussäen, oder das Fingerkraut, das den Boden bedeckt. Wasser, Gehölze, Stauden, Totholz und offene Wege schaffen unterschiedliche Bedingungen. Der Garten muss nicht fertig werden. Er darf sich verändern und dabei immer wieder neue Möglichkeiten für seine Bewohner eröffnen.

Im Gespräch über seine Gartenvorstellungen bringt Henry seine Haltung auf den Punkt: „Mein Garten ist ein Lebensraum für Tiere, die da leben wollen und können.“ Er denkt dabei an Igel und Blindschleichen, an Vögel, an Insekten und Spinnen. Letztere sind übrigens keine Insekten, wie Henry gleich augenzwinkernd ergänzt.
Und wenn Henry beim nächsten Gartenspaziergang wieder stehen bleibt, um auf irgendein winziges Wesen am Wegesrand hinzuweisen, lohnt es sich, ebenfalls stehen zu bleiben. Man könnte sonst etwas verpassen.
